Je mehr Prozesse, desto weniger Verantwortung.
Prozesse schaffen Sicherheit und entziehen Verantwortung. Was als Strukturhilfe gedacht, wird Ausrede. Prozesse widersprechen nicht. Verantwortung schon. Führung heisst nicht: sich absichern. Führung heisst: entscheiden. Auch dann, wenn der Prozess nichts sagt. Oder gerade deshalb.
Prozesse sind wertvoll, solange sie uns dienen. Aber oft ist es umgekehrt: Wir dienen den Prozessen. Viele Organisationen verwechseln Führung mit Verwaltung. Sie glauben, Verantwortung liesse sich systematisieren. Also definieren sie Abläufe, Zuständigkeiten, Prüfschritte. Sie bauen Excel-Logiken gegen Unklarheit. Checklisten gegen Komplexität.
Doch Prozesse widersprechen nicht. Wir schon. Und genau das ist unser Wert. Ein System voller Prozesse ist still. Aber nicht, weil alles funktioniert, sondern weil niemand mehr denkt.
Wer führt, darf sich nicht hinter Prozessverläufen verstecken. Führung heisst, sich hinzustellen, trotz Prozess. Und wenn nötig: gegen ihn. Nicht willkürlich. Sondern verantwortungsvoll. Denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen einer Entscheidung, die «prozesskonform» ist, und einer, die richtig ist.
Die Führungsperson kennt die Prozesse. Und sie ist ihnen nicht untertan. Sie entscheidet, wenn niemand anders will. Sie übernimmt die Verantwortung, die der Prozess verweigert.
Wo haben Sie zuletzt auf einen Prozess verwiesen, obwohl Sie wussten, dass Sie entscheiden hätten sollen?