Nicht jede Idee will entstehen.
«Wir müssten einmal …» oder: «Eigentlich wäre das eine gute Idee.» Der Satz fällt in einer Sitzung, beim Mittagessen oder auf dem Heimweg. Jemand nickt. Ein Gedanke kommt dazu. Für einen Moment scheint etwas entstanden zu sein. Dabei ist bloss eine Möglichkeit aufgetaucht.
Wir behandeln Möglichkeiten merkwürdig. Sobald sie sichtbar werden, fühlen wir uns ihnen gegenüber beinahe verpflichtet. Als hätte jede gute Idee ein Recht darauf, verwirklicht zu werden. Und wer sie nicht weiterverfolgt, fragt sich schnell, ob er eine Chance verpasst.
Darin liegt das Missverständnis.
Möglichkeiten sind zunächst nur Möglichkeiten. Nicht Aufträge. Nicht Versprechen. Nicht einmal Entscheidungen. Und trotzdem füllen sie Notizbücher, Strategiepapiere und Whiteboards. Organisationen sammeln Ideen, bevor sie wissen, welche Fragen sie eigentlich beantworten wollen. Unternehmer sprechen über neue Angebote, obwohl die bestehenden kaum Zeit zum Atmen haben. Kreative beginnen das nächste Projekt, bevor das vorherige seinen Platz gefunden hat.
Möglichkeiten haben etwas Verheissungsvolles. Sie versprechen Zukunft, noch bevor sie Verantwortung verlangen.
Erst später zeigt sich ihr Preis. Aufmerksamkeit. Zeit. Gespräche. Entscheidungen. Verzicht. Jede Idee, die entsteht, beansprucht einen Teil von etwas, das nur begrenzt vorhanden ist.
Deshalb ist nicht jede gute Idee auch eine gute Entscheidung.
Manche Ideen sind interessant. Andere wären wohl sogar erfolgreich geworden. Und trotzdem hätten sie nie entstehen müssen. Das klingt zunächst nach Verlust. Ist aber paradoxerweise das Gegenteil. Nicht jede erkannte Möglichkeit verlangt eine Fortsetzung.
Weil Aufmerksamkeit endlich ist.
Wir sprechen oft darüber, wie Innovation entsteht. Sprechen wir doch auch darüber, weshalb manches weiterziehen soll. Nicht jede Brücke muss gebaut werden. Nicht jede Tür geöffnet. Nicht jede Idee verwirklicht. Manche erfüllen ihren Zweck bereits in dem Moment, in dem sie auftauchen. Sie zeigen eine Richtung. Und verschwinden wieder.
Darin liegt keine verpasste Chance. Aber womöglich eine gute Entscheidung.

