Der Berg danach.

Wir arbeiten Jahre auf ein Ziel hin. Dann erreichen wir es. Und stellen fest: Der Erfolg beantwortet nicht die Frage, wie es weitergeht. Wir lernen, Berge zu besteigen. Weniger gut lernen wir, was nach dem Gipfel kommt.

Unklare Lage: Der Berg danach. Fotografie. Daniel Frei

Das Gespräch ist eigentlich vorbei. Die Tassen sind leer. Die wichtigsten Themen besprochen. Man spricht bereits über Belanglosigkeiten, als der Anwalt sich zurücklehnt und sagt: «Manchmal frage ich mich: War’s das?» Der Satz fällt leise. Nicht resigniert, eher wie eine Beobachtung, die ihn selbst überrascht hat.

Nichts an diesem Mann deutet auf ein Scheitern hin. Die Laufbahn ist gelungen. Die Mandate sind da. Das Ansehen ebenfalls. Wer ihn kennt, würde diese Frage kaum erwarten. Gerade deshalb bleibt sie hängen. Nein, sie ist nicht besonders originell. Aber sie taucht an einem ungewöhnlichen Ort auf.

Wir erzählen viele Geschichten über Menschen, die scheitern. Über verpasste Chancen. Über falsche Entscheidungen. Über Krisen. Seltener sprechen wir über den Moment, in dem vieles gelungen ist und trotzdem etwas ins Wanken gerät. Nicht das Leben. Seine Richtung. Ziele ordnen Zeit. Manche Menschen verlieren nach dem Erreichen nicht primär ihr Ziel, sondern die Gewissheit, woran sie sich bisher orientiert haben.

Solange klar ist, worauf man zugeht, müssen viele Entscheidungen nicht jedes Mal neu getroffen werden. Ausbildung. Aufbau. Verantwortung. Das Ziel liegt voraus, zieht den Alltag zu sich. Man verzichtet. Man hält durch. Man weiss, weshalb man morgens aufsteht. Wird darum so selten über das Erreichen gesprochen? Der Gipfel gilt als Ende der Geschichte. Dabei ist er nur das Ende einer bisherigen Bewegung.

Der Gipfel ist kein Zustand.

Er ist ein Ereignis.

Überschätzen wir Ziele? Nicht, dass sie unwichtig wären. Sondern weil sie so lange Ordnung schaffen. Und irgendwann merkt man dann: Das Ziel war nie das ganze Leben. Aber die Form, die ihm über viele Jahre Halt gegeben hat.

Viele werden auf den Aufstieg vorbereitet. Kaum jemand auf die Zeit danach. Wer lange unterwegs war, denkt automatisch weiter. Was ist der nächste Schritt? Das nächste Projekt? Die nächste Aufgabe?

Und dann verändert sich die Frage. Nicht mehr: «Wie komme ich dorthin?», sondern: «Wohin eigentlich?» Erfolg und Richtung fallen lange zusammen. Und irgendwann können sie sich voneinander lösen. Ein Weg kann richtig gewesen sein. Und dennoch keine selbstverständliche Fortsetzung mehr haben. Gerade das macht die Situation so schwer zu beschreiben. Sie fühlt sich nicht wie ein Scheitern an. Aber auch nicht wie ein Ankommen.

Die meisten in dieser Lage möchten ihr bisheriges Leben nicht gegen ein anderes eintauschen. Sie bereuen ihre Arbeit nicht. Sie schämen sich nicht für ihre Entscheidungen. Sie möchten nicht noch einmal von vorn beginnen. Und doch ist da eine Frage, für die Erfolg keine Antwort bereithält.

Das macht sie so schwer auszusprechen. Wer vieles erreicht hat, glaubt, keine Unruhe mehr haben zu dürfen. «Eigentlich müsste ich zufrieden sein.» Und in diesem «müsste» steckt mehr. Dankbarkeit. Aber auch ein stiller Vorwurf an sich selbst. Als wäre Orientierung nur jenen erlaubt, die noch nichts erreicht haben. Und genau hier mag eine merkwürdige Versuchung entstehen: Man sucht rasch ein neues Ziel. Ein Projekt. Halt noch einen Berg.

Hauptsache einen neuen Berg.

Daran ist nichts falsch. Manchmal ist es der richtige Schritt. Manchmal beantwortet die neue Aufgabe die Frage schneller, als sie überhaupt gestellt werden konnte. Die Bewegung kehrt zurück. Aber ob auch die Richtung zurückkehrt, bleibt offen.

Wir verstehen Aufstiege besser als Übergänge. Für den Weg nach oben gibt es Pläne, Vorbilder und Erfolgsgeschichten. Für die Zeit danach erstaunlich wenige. Dabei ist sie normaler, als wir denken.

Nicht jede Leere ist ein Mangel.

Manchmal ist sie einfach der Platz, den ein erreichtes Ziel hinterlässt. Der Anwalt hat seine Frage nicht weiter erklärt. Ich habe ihn später auch nicht danach gefragt. Antworten wären hier weniger interessant gewesen als der Satz selbst.

«War’s das?» Das ist der Moment, in dem ein Mensch bemerkt, dass ihn das Ziel, das ihn so lange getragen hat, nicht mehr selbstverständlich weiterführt.

Viele verbringen Jahre damit, einen Berg zu besteigen. Vom Gipfel aus sieht man weiter als zuvor. Aber man sieht nicht automatisch, wohin man als Nächstes gehen soll.

 
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Die Einsamkeit der Mittleren.