Friedhöflichkeit.

In vielen Organisationen beginnt Eskalation ausgesprochen höflich. Mit Sätzen, die vernünftig klingen. «Kein Problem.» «Passt für mich.» «Lassen wir das fürs Erste.» Nach aussen wirkt die Situation ruhig. Intern beginnt sich die Sprache aber zu verändern.

Unklare Lage: Friedhöflichkeit. Fotografie: Daniel Frei

Den Beginn eines Konflikts kann man sprachlich ziemlich genau beobachten. Nicht an dem, was gesagt, sondern an dem, was plötzlich vorsichtiger formuliert wird. Jemand sagt nicht mehr: «Das funktioniert nicht», sondern: «Vielleicht sollten wir nochmals darüber nachdenken.» Aus einem klaren Nein wird ein Prüfauftrag. Aus Kritik wird Prozesssprache.

Die Sitzung bleibt ruhig. Niemand unterbricht jemanden. Alle wirken professionell. Gleichzeitig verändert sich die Atmosphäre im Raum. Die Aussagen werden länger. Die Sätze weicher. Entscheidungen verschieben sich unauffällig in die Zukunft.

Es beginnt erstaunlich harmlos. Eine Person möchte die Stimmung nicht belasten. Jemand will nicht empfindlich wirken. Eine Führungskraft hofft, dass sich die Spannung von selbst beruhigt. Also wird eine irritierende Bemerkung übergangen. Ein Widerspruch abgeschwächt. Eine Grenzüberschreitung nicht angesprochen.

Menschen registrieren, welche Themen Energie kosten. Welche Fragen keine echte Antwort mehr erhalten. Wo Vorsicht wichtiger geworden ist als Klarheit.

Man erkennt solche Situationen an kleinen Dingen. Nach Sitzungen bleiben plötzlich einzelne Personen länger im Raum. Entscheidungen werden in Zweiergesprächen vorbereitet, aber nicht mehr im eigentlichen Meeting getroffen. Mails werden vorsichtiger formuliert und gesichert als Beweismittel. Kritik erscheint höchstens noch zwischen Nebensätzen oder als «Das war doch nicht so gemeint». Oder jemand sagt auffallend oft: «Ich verstehe beide Seiten.»

Das Problem ist nicht die Höflichkeit. Organisationen brauchen Rücksicht. Nicht jede Irritation muss maximal direkt ausgesprochen werden. Schwieriger wird es dort, wo Sprache beginnt, Spannungen zu verwalten statt zu klären. Dort entsteht Friedhöflichkeit. Dann entstehen Gespräche, in denen viel gesprochen wird, ohne aber dass sich noch jemand festlegt.

Das kann lange, sehr lange stabil bleiben. Gerade deshalb wirken solche Konflikte von aussen plötzlich überraschend, wenn sie dann eskalieren. Dabei war die Spannung meist längst spürbar, wenn nicht sogar sichtbar. Sie wurde aber eben in eine Sprache übersetzt, die professioneller klingt.

Und dann reicht ein kleiner Anlass. Eine Bemerkung in einem Workshop. Eine kurze Mail. Ein Satz wie: «So war das eigentlich nicht abgemacht.» Und plötzlich reagiert jemand mit einer Härte, die für Aussenstehende übertrieben wirkt.

Begonnen hatte der Konflikt längst vorher. Als Menschen anfingen, ihre eigentliche Position sprachlich zurückzunehmen.

Friedhöflichkeit. Viele Organisationen funktionieren erstaunlich lange genau so. Freundlich. Kontrolliert. Distanziert. Irgendwann weiss niemand mehr genau, welche Fragen eigentlich nicht mehr gestellt werden.

 
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Passé die Zeit der Antworten. Heute hält Führung Fragen aus.

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Konflikte sind Spiele.