Wem gehört, was wir gemeinsam geschaffen haben?

Solange die Zusammenarbeit funktioniert, ist die Sprache einfach: unsere Firma, unser Projekt, unsere Kunden, unsere Idee, unsere Geschichte. Das «unser» fällt nicht auf und es muss nicht erklärt werden.

Unklare Lage: "At your own risk". Fotografie: Daniel Frei

Zwei Menschen haben etwas begonnen, Entscheidungen getroffen, gearbeitet, Risiken übernommen. Vielleicht während fünf Jahren, vielleicht dreissig. Und dann trennen sie sich. Und aus dem unauffälligen Wort keimt eine ziemlich grosse Frage: Wem gehört eigentlich, was wir gemeinsam geschaffen haben?

Bei Einigem lässt sich das leicht beantworten: Es gibt Aktien, Verträge, Konten, Immobilien, Beteiligungen, Inventar. Bestenfalls eine Marke. Und man kann nachsehen, wem was gehört. Schwieriger wird es bei anderem. Wer hat den Kunden gebracht, der seit fünfzehn Jahren geblieben ist? Wem gehört die Beziehung zu ihm? Was ist mit dem Namen, den einer erfunden und der andere bekannt gemacht hat? Mit der Arbeitsweise, die über Jahre gemeinsam entstanden ist? Mit dem Wissen darüber, warum bestimmte Dinge genau so gemacht werden? Mit dem Ruf? Den Geschichten?

Mit der Zukunft, die zum Zeitpunkt der Trennung noch gar nicht existiert?

Solange wir zusammenarbeiten, müssen wir diese und viele andere Fragen seltenst beantworten. Das Gemeinsame verdeckt die Unterschiede. Alle können sagen: «Das haben wir aufgebaut!» Und alle haben recht. Erst die Trennung zwingt zur Unterscheidung, die vorher nicht notwendig war. Und dann zeigt sich bisweilen, dass zwei während Jahren dasselbe Wort verwenden, aber etwas Unterschiedliches damit meinen.

«Unsere Firma» kann für den einen eine Beteiligung an einem Unternehmen bedeuten. Für den anderen zwanzig Jahre seines Lebens. «Unsere Kunden» können juristisch Kunden einer Gesellschaft sein. Und gleichzeitig Beziehungen, die jemand persönlich aufgebaut und gepflegt hat. «Unsere Idee» kann niemandem gehören. Ihr wirtschaftlicher Wert sehr wohl. Besonders heikel wird es beim Wert.

Denn Wert besteht nicht nur aus dem, was heute vorhanden ist.

Eine Firma kann Maschinen, Geld und Verträge besitzen. Sie besitzt aber auch etwas weniger Greifbares: die Möglichkeit, morgen noch etwas wert zu sein. Eine Marke kann bekannter werden, aus einem kleinen Unternehmen kann ein grosses werden. Ein Projekt kann plötzlich erfolgreich sein oder ein Kundenstamm kann noch über Jahre Erträge erzeugen. Auch diese Zukunft ist während der Zusammenarbeit gemeinsam entstanden. Nur lässt sie sich schlecht auf den Tisch legen. Werden darum Trennungen zwischen Geschäftspartnern, Gründern oder Familienmitgliedern so schnell grundsätzlich? Es geht nicht mehr nur darum, wer was bekommt.

Es geht darum, was überhaupt als gemeinsam geschaffener Wert anerkannt wird.

Und damit um etwas noch Empfindlicheres: Welchen Anteil hatte ich daran? Wir rechnen dabei nicht zwingend unehrlich, aber eben unterschiedlich. Der eine erinnert sich an das Kapital, das er eingebracht hat. Die andere an die Kunden, die sie gewonnen hat. Einer an die Nächte, in denen er gearbeitet hat. Die andere an das Risiko, das sie getragen hat. Einer an die Idee. Die andere daran, dass aus der Idee ohne ihre Arbeit nie etwas geworden wäre. Alles kann stimmen. Und trotzdem ergibt die Summe plötzlich mehr als hundert Prozent.

Das Recht muss solche Situationen vereinfachen. Es braucht Eigentümer, Verträge, Beteiligungsquoten und Bewertungen. Anders lässt sich eine Trennung kaum vollziehen. Aber damit ist nicht zwingend geklärt, was die Beteiligten als gerecht empfinden. Zwar lassen sich gemeinsam geschaffene Dinge rechtlich aufteilen, nicht aber ihre Geschichte. Niemand kann fünfzehn gemeinsame Jahre in zwei Hälften schneiden. Niemand kann eindeutig bestimmen, welcher Erfolg aus welcher Entscheidung entstanden ist. Und niemand weiss, was aus dem gemeinsamen Werk geworden wäre, wenn beide geblieben wären. Eine dieser merkwürdigen Eigenschaften einer Trennung:

Sie verlangt eine genaueste Abrechnung über etwas, das gerade deshalb entstanden ist, weil lange Zeit nicht genau abgerechnet wurde.

Vertrauen, Arbeit, Risiko, Ideen, Beziehungen, Zeit, you name it. Alles floss ineinander. Bis es eben getrennt werden muss, will. Darum wird der Wert einer Zusammenarbeit erst wirklich verhandelt, wenn die Zusammenarbeit nicht mehr existiert. Und der schwierigste Teil einer Trennung liegt genau dort. Nicht bei der Frage: Was gehört wem? Sondern einer vorher:

Was davon war eigentlich unseres?

 
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