The old Lie.
Heute vor 81 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Einer der präzisesten Texte über die industrielle Zerstörung des Menschen stammt nicht aus einem Geschichtsbuch. Sondern von Wilfred Owen. Geschrieben im Ersten Weltkrieg. Veröffentlicht 1920.
Heute vor 81 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Millionen Tote. Millionen mehr Geschundene. Zerbombte Städte. Vernichtungslager. Traumatisierte Kontinente.
Und dennoch beginnt jeder Krieg erneut mit denselben Worten: Ehre, Pflicht, Opfer, Nation, Stärke.
Er besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Er kehrt zurück, obwohl wir alles über ihn wissen.
Wir kennen die Fotografien.
Die Massengräber.
Die zerstörten Gesichter.
Die Veteranen.
Die Traumata.
Die Verstümmelten.
Die Flüchtenden.
Und dennoch genügt oft eine Krise, eine Demütigung, eine ökonomische Erschütterung oder ein neues Feindbild, damit Menschen wieder beginnen, Krieg sprachlich zu romantisieren.
Das geschieht selten direkt. Niemand sagt: «Ich wünsche mir Schlamm, Gas und verstümmelte Körper. Der Krieg kommt eleganter daher.»
Er spricht von Identität.
Von Stolz.
Von Verteidigung.
Von Grösse.
Von Ordnung.
Von Sicherheit.
Er arbeitet mit Symbolen, lange bevor er mit Waffen arbeitet. Darum bleibt Wilfred Owens Gedicht so modern. Es zerstört nicht nur den Krieg. Es zerstört seine Sprache.
Owen schrieb nicht über Strategie. Nicht über Geopolitik. Nicht über Heldentum. Er schrieb über Männer, die wie alte Bettler durch den Schlamm taumeln. Über Soldaten, die ihre Stiefel verlieren. Über Blut. Über Erschöpfung. Über einen jungen Mann, der seine Gasmaske zu spät erreicht und langsam erstickt.
Das Gedicht entzieht dem Krieg jede Ästhetik.
Kein Pathos.
Keine Fahnen.
Keine Hymnen.
Nur Körper.
Darin liegt die Gefahr der Gegenwart: Der Krieg ist heute oft weit genug entfernt, um wieder abstrakt zu werden. Er erscheint erneut als Strategie, Einflusszone, Ressourcenkonflikt oder geopolitisches Spiel.
Doch am Ende bleibt Krieg immer etwas sehr Einfaches.
Menschen zerbrechen.
Physisch.
Psychisch.
Biografisch.
Gesellschaftlich.
Und danach erzählen sich die Überlebenden erneut Geschichten darüber, weshalb alles notwendig gewesen sei.
«Dulce et decorum est pro patria mori.» Süss und ehrenvoll sei es, fürs Vaterland zu sterben. Owen schrieb drei Worte darunter, die bis heute nachhallen:
«The old Lie.»
Historische Reife nicht darin, den Krieg zu gewinnen. Sondern darin, seine Sprache früh genug zu erkennen.
1917 schrieb der britische Dichter den Text, der diese Sprache zerlegte. Nicht ideologisch. Nicht theoretisch. Sondern körperlich. Mit Schlamm, Blut, Gas und erstickenden Lungen. Er starb eine Woche vor Kriegsende. Sein Gedicht wurde 1920 posthum veröffentlicht.
Dulce et Decorum Est*
Wilfred Owen
Gebückt wie alte Bettler unter Säcken,
krumm wie Hexen, hustend durch den Dreck,
fluchten wir uns durch den Schlamm.
Bis zu den gespenstischen Leuchtraketen
drehten wir den Rücken
und schleppten uns müde in Richtung Ruhe.
Die Männer gingen im Schlaf.
Viele hatten die Stiefel verloren.
Blutige Füsse. Lahm. Blind.
Zu erschöpft selbst für das Heulen
der Gasgranaten, die weich hinter ihnen
niedergingen.
Gas! GAS! Schnell, Jungs!
Taumelnde Panik.
Hastiges Reissen an den unbeholfenen Masken.
Doch einer schrie noch immer.
Stolperte.
Wand sich wie ein Mensch in Feuer oder Kalk.
Durch die beschlagenen Scheiben der Maske,
durch das trübe grüne Licht,
wie unter einem grünen Meer,
sah ich ihn ertrinken.
In all meinen Träumen vor meinem hilflosen Blick
stürzt er auf mich zu,
würgend, erstickend, ertrinkend.
Wenn du in irgendeinem erstickenden Traum
mitlaufen könntest hinter dem Wagen,
auf den wir ihn warfen,
und die weissen Augen sehen könntest,
wie sie sich im Gesicht verdrehten,
sein hängendes Gesicht,
wie das eines Teufels, krank von Sünde,
wenn du bei jedem Ruck das Blut hören könntest,
das gurgelnd aus den schaumverkrusteten Lungen kam,
obszön wie Krebs,
bitter wie widerliche, unheilbare Wunden
auf unschuldigen Zungen,
mein Freund,
dann würdest du Kindern, die nach Ruhm gieren,
nicht mit solcher Begeisterung
die alte Lüge erzählen:
Süss und ehrenvoll ist es,
für das Vaterland zu sterben.
* Neuübersetzung ins Deutsche von Daniel Frei. Nicht akademisch, aber möglichst nahe an Rhythmus, Körperlichkeit und kultureller Härte des Originals.

