Hybrid.
Ich sagte: Russland-Ukraine-Krieg. Dann korrigierte ich mich: Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die erste Formulierung nennt zwei Parteien. Die zweite benennt, wer angegriffen hat. Wörter verändern die Lage nicht. Aber sie entscheiden mit, welche Lage wir zu erkennen glauben.
Der Krieg gegen die Ukraine ist nicht hybrid: Raketen schlagen ein, Menschen sterben tagtäglich, Gebiete werden besetzt. Russland führt einen offenen Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat.
Im Westen sieht die Lage anders aus: Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation, Eingriffe in Wahlen und Abstimmungen, Störungen kritischer Infrastruktur, politische Einflussnahme, Drohungen und Operationen, deren Urheber schwer zu beweisen ist oder seine Beteiligung bestreitet.
Die Europäische Union spricht von anhaltenden, koordinierten und langfristigen hybriden Kampagnen Russlands gegen die EU, ihre Mitgliedstaaten und ihre Partner. Die NATO spricht von hybriden Bedrohungen. Das ist nicht falsch. Hybrid bezeichnet die Methode: offen und verdeckt, militärisch und nichtmilitärisch, digital und physisch, staatlich ausgeführt oder über Dritte. Einzelne Massnahmen bleiben klein genug, um nicht eindeutig als kriegerischer Akt zu gelten. Zusammengenommen können sie eine Gesellschaft destabilisieren, Vertrauen zerstören, Entscheidungen verzögern, den Zusammenhalt erodieren und, aber nicht nur, die Unterstützung für die Ukraine schwächen. Hybrid ist deshalb zunächst ein präziser Begriff. Er bezeichnet keine halbe Kriegsführung, aber eine zusammengesetzte.
Das Problem beginnt dort, wo die Präzision beruhigend wirkt.
Hybride Bedrohung klingt nach Fachstelle, Lagebericht, nach einem Problem, das Spezialisten für Cybersicherheit, Nachrichtendienste, Polizei, Kommunikation und Infrastruktur untereinander aufteilen können. Ein Kabel wird beschädigt, ein Computersystem fällt aus, eine Wahlkampagne manipuliert, eine Falschmeldung verbreitet sich, ein Unternehmen wird angegriffen, ein Politiker beeinflusst. Jeder Vorfall erhält seine Zuständigkeit. Was dabei verschwinden kann, ist der Zusammenhang.
Die Europäische Union beschreibt hybride Kampagnen ausdrücklich als Aktivitäten, die so angelegt sind, dass sie unterhalb jener Schwelle bleiben, die als Kriegshandlung gelten könnte.
Unterhalb.
Das ist das entscheidende Wort. Nicht harmlos. Nicht friedlich. Unterhalb. Die Schwelle schützt uns. Sie verhindert, dass jeder Cyberangriff, jede Provokation und jede schwer zurechenbare Operation zum Kriegsgrund erklärt wird. Wer mit dem Wort «Krieg» umgeht, muss wissen, was es auslöst.
Rechtlich ist die Sache nicht beliebig. Ein internationaler bewaffneter Konflikt entsteht, wenn Staaten gegeneinander bewaffnete Gewalt einsetzen. Eine formelle Kriegserklärung ist dafür nicht notwendig. Entscheidend sind die Tatsachen, nicht die Bezeichnung.
Nicht jede hybride Operation erfüllt diese Voraussetzung. Deshalb kann ich nicht einfach feststellen: Westeuropa ist im Krieg. Aber ich kann ebenso wenig feststellen: Westeuropa lebt im Frieden. Und genau in diesem Dazwischen operiert hybride Kriegsführung.
Sie richtet genügend Schaden an, um zu wirken, und lässt genügend Zweifel zurück, um eine entschlossene Antwort zu erschweren.
Die Unklarheit ist kein Nebeneffekt, sie gehört zur Methode. Der Angegriffene soll Zeit verlieren, mit Zuordnung, Beweisführung, Wortwahl, der Frage, ob ein einzelner Vorfall bereits Teil von etwas Grösserem ist, mit der Sorge, durch eine klare Benennung selbst zur Eskalation beizutragen.
Währenddessen handelt die andere Seite weiter.
Die NATO hält seit 2016 fest, dass hybride Angriffe gegen ein oder mehrere Bündnismitglieder zu einem Entscheid über die Aktivierung von Artikel 5 führen können. Können, nicht müssen. Auch hier bleibt die Schwelle Gegenstand einer politischen Beurteilung. Wie viele einzelne Angriffe ergeben einen Angriff? Wie eindeutig muss die Urheberschaft sein Wie gross der Schaden? Wie lange darf eine Kampagne dauern, bevor sie nicht mehr als Folge einzelner Zwischenfälle behandelt wird? Dafür gibt es keine einfache Formel, was die Lage aber nicht weniger real macht.
Auch die Schweiz steht nicht ausserhalb dieser Entwicklung. Neutralität verhindert weder Cyberangriffe noch Desinformation. Die Bundeskanzlei bezeichnet hybride Konfliktführung als Bedrohung für kritische Infrastruktur, staatliche Institutionen und Unternehmen.
Die Schweiz muss deshalb nicht im Krieg sein, um angegriffen werden zu können. Europa auch nicht. Ob wir uns im Krieg befinden, ist darum die falsche Frage. Sie zwingt eine unklare Lage in zwei vertraute Zustände: Krieg oder Frieden. Russlands hybride Kampagnen nutzen genau den Raum dazwischen.
Nicht, dass wir vorschnell Krieg rufen sollten, aber wir dürfen Frieden nicht mit der Abwesenheit eines erklärten Krieges verwechseln.
Sprache kann eskalieren, Angst erzeugen, Feindbilder verfestigen und Massnahmen legitimieren, die ihrerseits gefährlich werden. Und Sprache kann sedieren, einen Angriff in Vorfälle zerlegen, Sabotage zur Störung machen, Propaganda zum Kommunikationsproblem, Strategie als Serie bedauerlicher Einzelfälle behandeln.
Wir müssen nicht das grösstmögliche Wort wählen, sondern das Wort, das die Lage vollständig genug sichtbar macht, damit Handeln möglich wird.
Hybrid beschreibt die Methode.
Angriff beschreibt, was geschieht.
Frieden ist das nicht.

